Rock/Metal Gitarrenschule 2700, Wiener Neustadt

"LMP Asks" - Ausgabe #12 - Interview mit Sebastian Posch

Conor Mc Cormack & Sebastian Posch, 2015

Gitarre lernen Blog

Dieses Monat hat LMP mit Sebastian Posch gesprochen, ein Linux Enthusiast und Gitarrenlehrer welcher Linux in seinen Gitarrenstunden einsetzt.

Hi Sebastian, danke dass du dir für dieses Interview Zeit nimmst. Wo lebst du, und was machst du beruflich?

Zuerstmal danke sehr dass ihr mit mir dieses Interview macht! Ich bin 1978 geboren und lebe mit meiner Verlobten und unseren 2 Hunden in Österreich nahe der Hauptstadt Wien. Ich arbeite als Gitarrenlehrer, glücklicherweise hat unser Haus einen riesigen Keller wo einerseits der Gitarrenunterricht stattfindet und wo ich andererseits an meinen Musikprojekten arbeite.

Ich bin ein introvertierter Typ und in manchen Fällen würde ich mich sogar als autistische Person bezeichnen; ich brauche die ruhige ländliche Umgebung mit Bergen und Wäldern, damit ich in Frieden leben kann und meine Kreativität ausleben kann. Andererseits kann auch ein kurzer Besuch in den näheren grösseren Städten die Kreativität ankurbeln.

Zur Zeit arbeite ich sehr intensiv an der Verbesserung meiner Unterrichtsmethoden, weiters bastle ich an einem Vocal Booth (Gesangskabine) für mein Studio und natürlich habe ich auch das ein oder andere Musikprojekten laufen wie zB mein Soloalbum und eine Band. Leider muss ich sagen dass ich als Musiker noch keine offiziellen Tonträger veröffentlicht habe aber dies soll sich sehr bald ändern. Wenn ihr mir folgen möchtet dann könnt ihr das auf Google+ und auf meiner Website tun.

Was ist dein musikalischer Background?

Als ich in den 80ern in der Grundschule war, gab es eine starke Tape Trading Szene. So habe ich mir mit nur 8 Jahren oder so viele Heavy Metal Bands wie zB. Running Wild und Helloween angehört. Ich hatte den besten Walkman überhaupt! Es war irgendein Sony Walkman mit einem Equalizer auf der Vorderseite. Ich weis noch was für einen guten Sound der hatte. Die Stunden die ich mit dem Herumexperimentieren auf dem Equalizer verbracht habe, haben mein Verständnis über Musik und Gitarrensound vertieft.

Dann, wie ich ungefähr 11 oder so war, bekam ich meine erste E-Gitarre. Zur selben Zeit borgte sich ein Freund ein Schlagzeug aus und wir jammten 1 oder 2 Jahre nur so dahin. Das waren die frühen 90er, also war Thrash und Death Metal gerade sehr populär.

Unsere ersten musikalischen Unternehmen waren nicht gerade erfolgreich. Ich wusste ja nicht mal was ein Power Chord war also spielte ich nur auf einer Saite. Unserer erster und gleichzeitig letzter Gig war auf irgendeiner Geburtstagsfeier mit ein paar dutzend Leuten. Unsere Band hatte nichtmal einen Namen. Indem das alles auseinanderfiel hörte ich auch gleichzeitig wieder mit dem Gitarrespielen generell auf.

Als ich 20 war spielte ich Gitarre ab und zu, und ich war mit Arbeit und anderen Dingen viel zu beschäftigt bis fucking 2011. Das ist so eine lange Zeit ohne Gitarrespielen und ich bereue das sehr! Aber seit 2011 hole ich die verlorene Zeit wieder auf und arbeite täglich hart an meinen Skills. Mein Gitarrenunterricht hilft dabei viel, meine Schüler lernen viel dazu und ich lerne mit ihnen mit.

Was ist dein üblicher Workflow beim Musikmachen?

Da ist meine Philosophie im Prinzip: Lass die Musik sich selbst schreiben. Sie ist bereits da, die Aufgabe ist nur sie zu ent-decken. Und ich bin ein ganz einfacher Typ, ich setze mich mit der Gitarre hin und mache Warm-Ups oder verbringe ein bisschen Zeit mit "herumnoodeln". Dann kommen üblicherweise sofort ein paar Riffs aus dem Nirgendwo.

Diese Riffs nehme ich dann auf, gebe jedem Riff einen obskuren Namen und speichere alles für später am Computer. Ich habe mittlerweile eine Sammlung von tausenden Riffs und Licks über die Jahre gesammelt (wahrscheinlich geht das jedem Gitarristen so). Ich verwende meistens Audacity für diese schnellen Aufnahmen und ein bisschen Hydrogen für simple dazupassende Drumbeats. Ich verwende keine Versionskontroll-Software aber werde das in Zukunft vielleicht machen.

Zur Zeit arbeite ich jedenfalls an einem Solo-Gig Projekt wo akustische und E-Gitarren vorkommen, unterstützt von zahlreichen Ambient Background-Tracks. Ich habe vor dieses Projekt live umzusetzen (mit einem Backing Track) sobald es fertiggestellt ist. Wobei ich vom Stil her noch gar nicht weis wie das aussehen wird, wahrscheinlich mystische keltische Gitarrenmusik mit ein paar deutlichen Metal-Einflüssen. Mein Plan für dieses Projekt ist ausserdem viele Videos, Bilder und Soundeffekte einzusetzen und natürlich Linux zu verwenden um dies alles zu produzieren. Ich lerne derzeit sogar Piano speziell für dieses Projekt. Mal sehen!

Wie sehen deine Erfahrungen mit Linux aus?

Ich war oder bin Softwareentwickler seit dem ich 19 Jahre alt war. Nachdem ich mir C/C++ und OpenGL beigebracht habe, hatte ich das Glück als Spieleprogrammierer angeheuert zu werden, von der bedeutetsten Spielefirma Österreichs; das war echt cool! Das war noch die Zeit von Windows 98/2000 und für mich war zu dem Zeitpunkt irgendwo noch kein Linux in Sicht.

Ich hatte die Möglichkeit, in einem sehr netten Team an grösseren Strategiespielen und an ein paar kleineren Titeln mitzuwirken, bis die Firma schliesslich schliessen musste. Als sie schliess, begann mich die Indie Game Szene zu faszinieren. Während einer kurzen Phase der Arbeitslosigkeit versuchte ich, eigene Spiele zu entwickeln und diese zu vermarketn aber aus verschiedenen Gründen sollte das wohl nicht sein. Deshalb beschloss ich mich Vollzeit der Webentwicklung zu widmen, und arbeitete bis vor Kurzem in diesem Bereich als Freelancer.

Also durch die ganze Webentwicklung habe ich mich dann verstärkt mit Linux beschäftigt. Ich hab seitjeher die ein oder andere Distro auf allen meinen Rechnern verwendet, und natürlich auch auf den Servern. Jetzt wo ich mich mit Musik beschäftige macht es natürlich Sinn hier ebenfalls Linux einzusetzen. Im Moment verwende ich Ubuntu Studio mit dem Gnome Desktop, und nebenbei sehe ich mir immer wieder andere Distros an zB. KXStudio.

Warum denkst du ist open source wichtig, und was ist für dich der bedeutentste Aspekt von Linux Audio?

Als Entwickler (oder Ex-Entwickler) weis ich natürlich dass sich Open Source sehr bewährt hat, und mehr Softwarefirmen sollten dem Modell folgen bzw. es verstärkt einsetzen. Es wäre mir speziell in der Webentwicklung nie möglich gewesen, meine Arbeit ohne Open Source Software zu erledigen. Projekte wie zB. SDL (bei Games), Apache PHP, symfony framework, jquery, ... die Liste ist viel zu lang um sie hier anzuführen, denke ich. Wir stehen auf den Schultern von Riesen wie man so schön sagt. Mit Linux Audio habe ich eigentlich noch gar nicht so viel Erfahrung, aber es scheint wohl die exakt selben Vorteile zu haben wie die anderen OS Projekte.

Wie setzt du Linux in deinem Gitarrenunterricht ein?

Ich verwende stetig Linux Applikationen wie zB Hydrogen und Guitarix. Ich verwende diese um diverse Übungsroutinen zu erfinden, auf meine Schüler zugeschnittene Backing Tracks zu erstellen usw. Ich habe keinen "echten Amp" mehr in meinem Studio wo ich meine Gitarre einstöpseln könnte.. Oh, und ich hab eins dieser A/B Boxen / Pedale vor das USB Interface geschalten. Ich lasse meinen Schüler einen Lick üben, und wenn ich will dass er aufhört dann trete ich einfach auf das A/B Pedal und unterbreche das Signal des Schülers und switche zum Signal meiner Gitarre. Das ist viel besser als laut "AUFHÖREN!!!" zu schreien :)

Wie bringst du dein Gitarrensignal in Guitarix rein?

Wie gesagt geht mein Signal zuerst in ein A/B Pedal, und von dort in ein Focusrite Scarlett 2i4 USB Interface, weil das preislich erschwinglich ist und ich dank dem linuxmusicians.com Forum wusste dass dies auf Linux funktionieren würde. bevor ich das Focusrite einsetzte, verwendete ich eins dieser Behringer "Guitar Link" Geräte und habe dort über Kopfhörer fast ein ganzes Album eingespielt.

Verwendest du viele many Stompbox Emulationen in Guitarix?

Im Moment verwende ich sowas nicht, nicht das ich wüsste. Ich plane aber einen MIDI foot controller zu kaufen, damit ich in Guitarix zwischen Presets hinundherschalten kann.

Du hast vor Kurzem ein paar Guitarix Presets auf musical-artifacts.com zur Verfügung gestellt. Kannst du da was drüber erzählen?

Richtig. Musical-artifacts.com ist eine neue Seite welche sich zum Ziel gesetzt hat, kleine Tools und Presets im Linux Musikbereich zu sammeln, so dass man damit Musik "frei" erzeugen kann. Der Betreiber der Seite hat meine Presets dorthin gestellt, momentan ist noch alles ein bisschen durcheinander. Ich werde versuchen, in Zukunft alles besser zu ordnen, in Pakete usw. und nach Genre sortiert.

Was denkst du fehlt zur Zeit noch in Linux Audio?

Ich denke die Linuxwelt hat generell nur ein Marketingproblem. All die Projekte sind toll, aber ohne entsprechendes Marketing und ohne Website und sowas, wird die Userbase klein bleiben. Ursprünglich hat es mich zu Projekten wie Gnome und Ubuntu hingezogen, nicht nur weil sie stabil sind sondern eben weil die ihre Projekte gut vermarkten und mehr Ressourcen für sowas haben als andere Projekte.

Technisch gesehen kann ich Linux Audio Applikationen nicht mit den Angeboten auf den anderen Plattformen vergleichen; Ich habe zum Beispiel nie ProTools verwendet. Als Session-Musiker musst du ja nicht unbedingt ProTools verwenden; du kannst dein Zeug in Ardour auf Linux aufnehmen und die einzelnen Tracks als WAV zu deinem Kunden senden.

Gibt es FLOSS Projekte die dich zur Zeit begeistern?

Mit eurer Seite ist es deutlich einfacher geworden, einen Überblick über die Updates in der Linux Audio Welt zu bekommen. Super Seite! Ich bin ja bekanntermassen ein grosser Fan von Guitarix und ich bin stolz dass mein kleines Video für die Guitarix.org Startseite ausgewählt wurde.

Guitarix funktioniert ganz einfach "out of the box", stürzt niemals ab und ich erspare mir damit viel Geld. Für mich macht es keinen Sinn mehr, einen Marshall Head um 2000 Euro zu kaufen. Schaut zwar cool aus aber du hast nur 2 Kanäle oder was auch immer, und wenn du deinen Sound verändern willst brauchst du dafür alle möglichen Pedale. Also möchte ich in Zukunft nur mehr Digital Amp Software verwenden. Ich meine, Pedale sind ja echt lustig zum Herumspielen und so, aber das ist bei Guitarix auch der Fall. Natürlich kann man ja auch beides gleichzeitig verwenden. Ein Freund von mir hat vor kurzem sein Boss HM-2 Heavy Metal Pedal mitgehabt, wir haben das vor Guitarix reingeschalten (um den berühmtberüchtigten schwedischen Death Metal Sound hinzubekommen) and das natürlich gut funktioniert.

Welche Wegweiser hast du auf deiner Linux Audio Reise am Nützlichsten gefunden?

Auf jeden Fall das Forum von linuxmusicians.com! Die Leute dort sind sehr freundlich und haben sehr viel Erfahrung. Als ich das allererste Mal JACK und Guitarix einrichten wollte, ich glaube es war in 2012 oder 2013, da war es noch nicht so leicht (zumindest für mich) aber irgendie hab ichs dank dem Forum geschafft. Heutzutage ist es ein bisschen einfacher, eure Artikel auf LibreMusicProduction.com sind echt hilfreich.

Welche Änderungen würdest du gerne in der Linux Audio community sehen?

Wie bereits gesagt, mehr Marketingmaterialien und vielleicht ein bisschen bessere Dokumentation würde viel helfen um neue User anzulocken. Die Websites von Guitarix and Calf-Plugins sind da ein sehr gutes Beispiel.

Ich denke mal es kommt auch drauf an welchen Teil von Linux Audio du meinst; ich meine ich werde sicher noch lange Zeit ein Desktop PC User sein, hab nichtmal ein Smartphone. Also ist mein Interesse in klassische Desktop Applikationen sehr hoch. Was sich so auf Android tut weis ich zB. gar nichts darüber.

Ich sollte wahrscheinlich auch mehr beisteuern in der Zukunft. Im Moment zeige ich meinen Gitarrenschülern gerne Hydrogen und Guitarix. Die finden das echt toll aber ich glaube nicht dass die sich das zuhause selbst installieren, mit Linux und JACK usw.

Ich habe auch überlegt, einen Facebook Event anzulegen für einen lokalen "Linux Audio Workshop" oder sowas, and mal schauen ob und wieviele Leute da dran teilnehmen würden, also quasi in mein Studio kommen würden und Linux als Plattform für Musikproduktion ansehen würden. Ich könnte die Teilnehmer ein bisschen herumführen, ein paar Tools auf Linx zeigen und einen simplen Song produzieren zum Beispiel. Vielleicht mach ich das ja mal!

Welchen Rat würdest du einem neuen Linux Audio User geben?

Den selben Rat den ich einem neuen Linux User an sich geben würde: Keine Angst vor der Command Line, sie ist dein bester Freund :) Und sei nicht so verschrocken, Dinge kaputt zu machen, richte dir einfach einen Ersatz-Laptop ein, installiere eine Distro und experimentiere mal drauf los, bis du bereit bist um ev. komplett auf Linux umzusteigen wenn du das möchtest. Ich habe seit 5 Jahren kein Windows verwendet und vermisse nichts.


Dieses Interview von 2015 gibt es hier im Original zu lesen