Fortschritte beim Gitarre lernen

Lerne Gitarre mit Geduld und Nachhaltigkeit, und integriere neue Fähigkeiten immer in deine vorhandene Spieltechnik!

Gitarrenlehrer Sebastian Posch, 2017

Gitarre lernen Blog

Viele Gitarristen neigen dazu, sich beim Erlernen einer neuen Technik voll und ganz dem neuen Thema zu widmen. Sie bekommen einen Tunnelblick und wollen möglichst schnell Fortschritte auf der Gitarre machen. Das Problem: Sie vergessen dabei oft sämtliche andere Themenbereiche (oft auch inklusive dem Aufwärmen!)

Typische Paradebeispiele wären zB. Sweep Picking & Arpeggios, eine bis dato unbekannte Skale, oder auch das Lernen eines neuen Songs.

In meinem Unterricht habe ich beobachtet, dass viele Gitarrenschüler mit einer neuen Übung nach Hause gehen und dann voller Elan und Fleiss die neue Übung komplett meistern wollen und gleichzeitig ihre anderen Übungen automatisch beiseite schieben. Ich bin sehr froh und stolz dass meine Schüler einen hohen Ehrgeiz haben und sich für ein neues Thema stark interessieren, jedoch betone ich immer wieder (auch prophylaktisch), dass das neue Konzept nicht sofort gemeistert werden muss. Erstens ist es sowieso nicht möglich, ein neues Thema sofort zu meistern, zweitens wollen wir uns ein neues Konzept lediglich erstmalig ansehen & verstehen, die Übungen durchmachen, die wichtigsten Teile der Übung memorisieren und uns dann wieder einem alten Thema widmen und auf das neue Thema später selbstverständlich wieder zurückkommen.

Wie schädlich dieser "Tunneblick", dieses ehrgeizige Fokusieren auf ein neues Thema ist, obwohl die Begeisterung für das Thema ja wie gesagt etwas Gutes ist, habe ich nicht nur bei Schülern sondern auch bei mir selbst schon oft beobachtet.

Daher mein heutiger Tipp:

Investiere beim Üben neuer Techniken auf der Gitarre nicht gleich allzuviel Zeit, und schon gar nicht 100% deiner Übungszeit! Lerne Gitarre mit Geduld und akzeptiere, dass das Meistern einer Technik ganz einfach eine gewisse Zeit beanspruchen wird.

Dein Muskelgedächtnis

Denn: Beim Gitarre Üben geht es vorwiegend darum, dem Gehirn und den Fingern diverse Bewegungsabläufe beizubringen. Das Muskelgedächtnis wird durch unzählige Wiederholungen einer Übung gestärkt. Aber leider werden auch sämtliche falsche Bewegungsabläufe ganz unbewusst und schnell zu permanenten schlechten Angewohnheiten, die sich in dein Muskelgedächtnis einprägen und einprogrammieren, und die du dir dann im Nachhinein nur schwer abgewöhnen kannst.

Das ist in gewisser Weise so ähnlich wie Lebenserfahrungen die man in der frühen Kindheit erlebt hat - sie prägen sich ein und man wird sie unter Umständen sein gesamtes Leben nicht mehr los. Beim Gitarre lernen ist es daher selbstverständlich nicht anders.

Du musst deinem Gehirn und deinen Fingern daher unbedingt Zeit geben, sich an die neuen Bewegungsabläufe auf der Gitarre langsam und geduldig zu gewöhnen.
Daher ist es besser, auf Nummer sicher zu gehen und lieber nur 5-10 Minuten pro Tag für eine neue Technik zu investieren, und den Rest der Übungszeit mit alten Themen verbringen! Hier ist viel Geduld und Selbstdisziplin angebracht.

Denn selbst wenn du 100% deiner Zeit und Aufmerksamkeit dem neuen Thema widmest... deine anderen Bereiche werden dabei vernachlässigt und können sich unter Umständen sogar zurückentwickeln, so wie es mir schon des Öfteren passierte.

Eine gesunde Lern-Balance beibehalten

Gitarrelernen ist ein schmaler Grat zwischen Altem und Neuem, eine gesunde Balance zwischen dem Wiederholen bereits gemeisterter Techniken/Konzepten sowie neuen Techniken.
Nicht nur dass sich deine anderen Techniken eventuell zurückentwickeln, die neue Technik wird mit zu viel Übungszeit womöglich zu schnell weiterentwickelt und dann entstehen wie gesagt schlechte Angewohnheiten.

Wie gesagt, bei zB. Sweep Picking herrscht oft das Problem, dass ein Gitarrist versucht, eine unrealistisch hohe Geschwindigkeit gleich von vornherein zu erreichen, und das nach nur wenigen Übungsstunden. Die hohe Geschwindigkeit, welche zwar auch nach wenigen Stunden sehr wohl machbar ist, wird dann mit einem sehr hohen Preis bezahlt, nämlich mit der fehlenden Klarheit und der fehlenden sauberen Artikulation einzelner Noten. Am Ende entsteht bei diesem Gitarristen eine Sweep Picking Technik, die zwar schnell ist, aber voller Fehler und sich unsauber anhört.

Diese Technik muss dann später mühsam überholt und ausgebessert werden, eventuell von einer Fachkraft (Gitarrenlehrer), ähnlich wie bei einer Rehabilitation muss das Thema von grundauf neu aufgearbeitet werden.

Ein anderes Beispiel welches ich geben möchte ist das Wechseln von Akkorden bei Beginnern. Die meisten Gitarristen beginnen Gitarre zu lernen mit einfachen Akkorden, wollen dann schnellstmöglich imstande sein ein paar Songs zu spielen, und legen dadurch zuwenig Wert auf das saubere Wechseln/Umgreifen der Akkorde. Ihr selbsterwähltes Motto lautet: "Mir doch egal wenn es nicht nach Studioqualität klingt, Hauptsache ich habe jetzt mal den Song im Kasten ...".
In diesem Fall liegt auch das Problem vor, dass ein angehender Anfänger noch gar nicht die Fähigkeit hat, sein eigenes Spielen im Detail zu beurteilen. Er legt sich also schlechte Angewohnheiten auf der Gitarre zu und merkt es selbst gar nicht.

Ich nenne die in diesen Beispielen erwähnten Fortschritte dann üblicherweise "Pseudo-Fortschritte". Zwar wurde sehr wohl etwas erreicht (zB. einen Song spielen können), jedoch mit Abstrichen und schwer zu korrigierenden Fehlern.

Der "Fortschritt-Bremser" schlechthin: Fehlende Integration und Anwendung

Nun komme ich zu einem weiteren Aspekt: Das Integrieren einer neuen Technik mit sämtlichen alten Techniken (sofern es Sinn macht) erfordert mindestens doppelt wenn nicht sogar ein Vielfaches an Zeit in Relation zum eigentlichen Erlernen der Technik. Angenommen wir sind ein Gitarrist der sich die letzten Wochen insgesamt cirka 15 Stunden dem Thema Sweep Picking gewidmet hat. Nun gilt es, die neue Technik mit Tapping, Skalen und Akkorden zu kombinieren.

  • Sweep Picking - reine Mechanik: 15 Stunden
  • Sweep Picking mit bestehendem Tapping kombinieren: 5 Stunden
  • Neue Arpeggio Shapes finden durch bereits bekannte Akkorde: 10 Stunden
  • Integrieren mehrerer Arpeggios in mehrere Skalen: 10 Stunden
  • Sauberes Vibrato am Höhepunkt eines Arpeggios: X Stunden (je nachdem wie weit Vibrato schon entwickelt wurde)

Ich weiß nicht wie du das siehst, aber die Zahlen erscheinen meiner Meinung nach realistisch. Wenn man es so sieht, dann ist das Erlernen der Sweep Picking Technik ja fast schon ein Klacks - Das wirklich schwierige an der Sache ist, die Technik in die restliche Spieltechnik zu integrieren ...

Dazu muss die Technik aber in erster Linie gut antrainiert und fehlerfrei sein. Hohe Geschwindigkeit ist dabei überhaupt (noch) kein Thema.

Klingt alles gut, aber was soll ich nun tun?

Wenn du dich mit der Aussage dieses Artikels identifzieren kannst, zB. weil du schon diverse Technikfehler in deinem Spielen bemerkt hast welche aus diesem "Tunnelblick" bzw. Pseudo-Forschritt-Syndrom stammen könnten, dann wird es eventuell Zeit, für eine kurze Zeit ein paar Schritte zurückzugehen. Spiele zB. ein Arpeggio so langsam es dir möglich ist (zB. 40 BPM), erhöhe dann den Speed und achte dabei aktiv darauf, welche schlechten Angewhonheiten du dir früher angeeignet hast, we zB. das berühmte "Brummen" der tiefen Saiten oder eine unsaubere hastige "Rolling Technik". Versuche, diese Fehler zu eliminieren bevor du überhaupt dran denkst, es schneller zu spielen. Gehe dann weiter zu deinem Vibrato, und achte ebenso auf die Sauberkeit. Dann kombiniere beide Techniken und bemerke langsam aber sicher deine Fortschritte bezüglich Artikulation, Sauberkeit und Klang.

Wenn du dagegen noch Anfänger bist, rate ich dir, dich mehr mit dem sauberen Wechseln von Akkorden zu beschäftigen, bevor du andere Themen wie zB. Pentatonik oder Skalen angehst. Du wirst in deinem Leben noch unzählige Songs unzählige Stunden lang spielen - habe Geduld! Stelle dir vor, wieviel besser deine Songs in Zukunft klingen werden wenn du genau JETZT noch ein paar Extrastunden in das saubere Akkordwechseln investierst, und das ganz ohne Perfektionismus! Was wirklich zählt ist nicht die Anzahl der Songs die du (so einigermassen) spielen kannst, sondern wie gut und ev. wie originalgetreu du einen einzigen Song spielen kannst. Perfekt muss der Song nicht werden, aber sauber sollte er dann doch sein ..

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Ich kann dir garantieren, hätte ich den Tipp in diesem Artikel erhalten als ich zum Gitarrespielen angefangen habe, ich hätte in den ersten Jahren mindestens doppelt soviele Fortschritte gemacht. Möchtest du dass ich dir ab und zu ähnliche Tipps per E-Mail schicke? Dann registriere dich für den E-Mail Newsletter

Über den Autor

Sebastian Posch wurde 1978 geboren und ist ein in Niederösterreich wohnhafter Gitarrentrainer und Studiogitarrist.

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